André Ruschkowski



Stückkommentare

Composers Edition Vol. III


 

Trakl-Zyklus
(1997)


In blauem Kristall
für Flöte, Klarinette,
Violine, Cello und Klavier

Weißer Schlaf
für Sopran und Tonband
- gewidmet Sigune von Osten -

Dunkle Stunde
für Flöte, Klarinette,
Violine, Cello, Klavier
und Tonband

Unter steinernen Bogen
für Sopran,
Flöte, Klarinette,
Violine, Cello, Klavier
und Tonband


Aufnahme der Uraufführung am: 29. Mai 1997 im Großen Studio der Universität Mozarteum
(Internationales Festival für zeitgenössische Musik ASPEKTE Salzburg)

Sopran: Sigune von Osten
Flöte: Irmgard Daxner
Klarinette: Fritz Kronthaler
Violine: Keunah Park
Cello: Peter Sigl
Klavier: Daniel Linton-France
Dirigent: Oswald Sallaberger
Klangregie: André Ruschkowski


Der Trakl-Zyklus besteht aus vier Kompositionen, welche jeweils einen poetischen Text von Georg Trakl als Basis musikalischer Gestaltung verwenden („Ruh und Schweigen“ für „In blauem Kristall“, „Der Schlaf“ für „Weißer Schlaf“, „Hohenburg“ für „Dunkle Stunde“, „Nachtseele“ für „Unter steinernen Bogen“). Die Texte von Georg Trakl determinieren direkt sowohl die Struktur als auch die Klanglichkeit der einzelnen Kompositionen.
Dazu wurden die jeweiligen Texte zunächst durch die Sopranistin Sigune von Osten bzw. den Komponisten rezitiert und das klangliche Ergebnis mit einem Tonbandgerät aufgezeichnet. Diese Aufzeichnungen der gesprochenen Texte wurden anschließend im Computer verschiedenen Klanganalysen unterzogen. Die so gewonnenen Parameter über Zeit- und Frequenzstruktur der Grund- und Obertöne bildeten den Ausgangspunkt für den Tonsatz von Sopran, Instrumenten und auch für die Gestaltung des Klangmaterials der jeweiligen Tonbänder.
Die formale Struktur der jeweiligen Kompositionen wurde direkt aus den rezitierten Trakl-Texten abgeleitet, indem die Zeitachse der Originalaufnahmen um das 8 bis 12fache linear gedehnt wurde, so daß deren ursprüngliche Proportionen erhalten blieben.
Die Frequenzspektren der gedehnten Textaufnahmen wurden jeweils in vier Oktavbänder unterteilt um die zeitliche Zu- und Abnahme von Grund- und Obertönen der Sprechstimme in den jeweiligen Frequenzbereichen zu isolieren. Im Klangmaterial dieser Oktavbänder wurden nun mit Hilfe der Fast Fourier Transformation (FFT) die dominierenden Frequenzanteile ermittelt und diese in musikalische Tonhöhen übertragen. Die so abgeleiteten Tonhöhenstrukturen bildeten den Ausgangspunkt für die Komposition des Sopranparts und der Instrumentalstimmen.
Das 4 Kanal-Tonband beinhaltet Klangmaterial, welches sich ausschließlich aus den rezitierten Texten ableitet. Es wurde im Studio für elektronische Musik der Hochschule „Mozarteum“ Salzburg auf bis zu 15 Audiospuren ausgearbeitet und zur räumlichen Separierung komplementärer Klangereignisse sowie deren Bewegung im Raum auf eine Hörebene rund um das Publikum projiziert.

 

Arara & Araku

Perkussion: Arabella Lorenz
Klangregie: André Ruschkowski

Aufnahme der Uraufführungen am 28. Mai 1997 im Großen Studio der Universität Mozarteum
(Internationales Festival für zeitgenössische Musik ASPEKTE Salzburg)


Die beiden Kompositionen ARARA und ARAKU entstanden 1997 in Zusammenarbeit von André Ruschkowski und der Perkussionistin Arabella Lorenz. Das Klangmaterial von ARARA basiert auf einigen kurzen, d. h. etwa zwischen 2 und 5 Sekunden dauernden Klangausschnitten einer Improvisation mit analogen Synthesizern. Diese Ausschnitte wurden anschließend verschiedenen elektronischen Modifikationen unterworfen. Dazu wurde ihre Struktur zunächst analysiert, d.h. in Sinuston-Anteile zerlegt (mit dem Programm Lemur, entwickelt von der CERL Sound Group an der University of Illinois) und anschließend erneut aus diesen Sinustönen - mit veränderten Parametern - synthetisiert. Die Veränderung der Parameter betraf vor allem die Streckung der Zeitstruktur, d. h. die ursprünglichen Klangausschnitte wurden zum Teil bis zum 40fachen ihrer Originallänge gedehnt. Aber auch die Frequenzen der ursprünglich in den Ausschnitten vorhandenen Obertöne wurden einem graduellen Modifikationsprozeß unterworfen. Neben Transpositionen dominieren hier Spreizungen und Stauchungen der Obertonstruktur.
Die Formentwicklung von ARARA beschreibt einen Prozeß von komplexen Ereignissen am Beginn - den originalen Klangausschnitten - zu immer elementarer und vereinzelter werdenden Elementen in der Mitte des Stückes, die auf ein fortschreitendes "Eintauchen" in das Innere der ursprünglichen Klangmaterie hindeuten. Erst im letzten Viertel verändert sich diese Tendenz — um schließlich den Weg erneut zu komplexeren Klangstrukturen zu finden, mit denen das Stück endet. Der Perkussionspart stellt eine weitere Transformationsebene der Ausgangsklänge dar, indem er das elektronische Material des Tonbandes erweitert und kontrastiert.
Das elektronisch transformierte Klangmaterial in ARAKU wurde ausschließlich aus Sprachklängen abgeleitet. Auch hier dominieren ähnliche Klangbearbeitungstechniken, wie sie bereits in ARARA zur Anwendung kamen, d. h. spektrale Analyse der Klänge und erneute Resynthese mit veränderten Konfigurationen ihrer Parameter sowie vielfältige Modulationen der auf diese Weise isolierten spektralen Komponenten der ursprünglichen Sprachklänge.
Kern der Gestaltung des Live Parts bei ARAKU war die Schaffung einer möglichst großen Bandbreite von verschiedenartigen Übergänge zwischen dem Tonband und den Aktionen der Perkussionistin. Diese Kombinationen reichen von filligranen Klangflächen-Schichtungen bis zu drastischen Kontrastwirkungen auf der Klangfarben- und Dynamikebene.

Karabontara

Klavier: Daniel Linton-France
Aufnahme am 14. 8. 1996 im Studio für elektronische Musik der Universität Mozarteum Salzburg.


Die ca. 12minütige Komposition KARABONTARA setzt sich aus drei Formteilen zusammen, welche jeweils durch spezifische Kombinationen von musikalischen Variationen (Tonhöhen und Dauern) und klanglichen Modifikationen des Ausgangsmotivs charakterisiert sind.
Es vollzieht sich eine prozeßhafte Variation der zu Beginn des Stückes exponierten musikalischen Keimzelle direkt vor den Ohren des Hörers, die dadurch in jeder Phase unmittelbar nachvollziehbar bleibt.
Der Charakter der Veränderungen wird durch die jeweilige Variationstechnik bestimmt und bezieht sowohl die Modifikationen der physischen Dimensionen des Klavierklanges - Zeitstruktur und Frequenzaufbau - als auch traditionelle musikalische Techniken zur Motivableitung und Stilveränderung ein.
Während die Variation der klanglichen Parameter vorzugsweise durch elektronische Bearbeitungen der Klaviertöne auf dem Tonband erfolgt, obliegt dem Pianisten die motivische Variation des musikalischen Ausgangsmaterials insbesondere in den Dimensionen Tonhöhe, Dauer und polyphone Dichte.
Diese Zweiteilung spiegelt sich in der Besetzung des Stückes für Klavier und 4-Kanal-Tonband wider, wobei das Tonband ausschließlich die räumliche Projektion mit elektronischen Mitteln unterschiedlich intensiv bearbeiteter Klavierklänge enthält.
Die Uraufführung von KARABONTARA erfolgte während eines Klavier-Festivals Salzburger Komponisten am 8. Juni 1996 im Paumgartner-Studio der Hochschule „Mozarteum“ durch den Pianisten Daniel Linton-France. 1997 wurde diese Komposition für eine Aufführung im Programm der „International Computer Music Conference“ in Thessaloniki (Griechenland) ausgewählt.

(Eine detaillierte Analyse zu Karabontara von Joachim Brügge ist erschienen im „Neuen Musikwissenschaftlichen Jahrbuch“, Band 7, 1998.)

 

Sonama


Violine: Frank Stadler
Flöte: Vera Klug
Perkussion: Henning Kirsch

Aufnahme der Uraufführung am 11. Mai 1996 im Großen Studio der Universität Mozarteum Salzburg („Lange Nacht der Komponisten“ , veranstaltet vom Österreichischen Ensemble für neue Musik)

Die Instrumentalkomposition SONAMA ist Teil der 60minütigen medialen Komposition „Salzburgtrum“, welche 1995 in Salzburg uraufgeführt wurde. Jene besteht aus zwölf Teilen, welche jeweils durch spezifische Kombinationen von Salzburger Originalton-Aufnahmen, kontrastierenden elektronischen Bearbeitungen sowie Instrumentalklängen charakterisiert werden.
Diese Formteile von „Salzburgtrum“ bilden die Materialbasis für SONAMA. Durch eine elektronische Verkürzung des Zeitmaßstabes entstehen zeitlich komprimierte Varianten der ursprünglichen „Salzburgtrum“-Abschnitte, welche — abweichend von der ursprünglichen Reihenfolge — simultan und sukzessiv miteinander neu kombiniert werden.
Die auf diese Weise entstehenden neuen elektronischen Klangstrukturen wurden im Computer mit Programmen zur Klanganalyse auf ihre dominierenden musikalischen Eigenschaften untersucht. Diese Charakteristiken der Klänge in den einzelnen Formteilen von SONAMA wurden für die drei Instrumente Violine, Flöte und Perkussion (Große Trommel & „Rainmaker“) transkribiert, d. h. für diese Instrumente spielbar gemacht.
Während normalerweise elektronische Klänge als Erweiterung instrumentaler Spieltechniken angesehen werden, verhält es sich in diesem Stück genau umgekehrt. Die Instrumente erzeugen nicht nur Klänge, die elektronischen Schöpfungen vergleichbar sind, sie erweitern diese auch. Das geschieht durch die in der Spieltechnik der Instrumente begründeten komplexen Verknüpfung klanglicher Parameter. Diese Parameter, wie die Hüllkurvenverläufe einzelner Obertöne etwa, sind mit elektronischen Mitteln separat gestaltbar, bei mechanischen Instrumenten jedoch ausschließlich in ihren wechselseitigen Abhängigkeiten kompositorisch formbar. Dieser Zusammenhang führt in SONAMA bei der Gestaltung klanglicher Parameter zu einer neuen Dimension, welche die komprimierten Formteile aus „Salzburgtrum“ um eine weitere Ebene bereichert.
Die Uraufführung von SONAMA erfolgte am 11. Mai 1996 im Großen Studio der Universität Mozarteum Salzburg durch Solisten des Österreichischen Ensembles für Neue Musik.

 

 


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