André Ruschkowski



Stückkommentare

Composers Edition Vol. IV


 

NASOMA


1996, 10:14 Min.
Studio für elektronische Musik der Universität Mozarteum Salzburg


Die Komposition NASOMA entstand auf der Basis des „Salzburgtrum“-Projektes, welches 1995 beim ASPEKTE-Festival in Salzburg uraufgeführt wurde. „Salzburgtrum“ ist eine 60minütige Komposition, die aus zwölf Teilen besteht. Diese Teile werden jeweils durch spezifische Kombinationen von in Salzburg durchgeführten Original-Tonaufnahmen, ihren elektronischen Bearbeitungen sowie Instru-mentalklängen charakterisiert.
Die Formteile von „Salzburgtrum“ bildeten die Materialbasis für NASOMA. Durch eine elektronische Verkürzung des Zeitmaßstabes entstanden zeitlich komprimierte Varianten der ursprünglichen „Salzburgtrum“-Abschnit-te, welche — abweichend von der ursprünglichen Reihenfolge — simultan und sukzessiv miteinander neu kombiniert wurden. Die auf diese Weise entstandenen neuen elektronischen Klangstrukturen wurden im Computer mit Programmen zur Klanganalyse auf ihre dominierenden musikalischen Eigenschaften untersucht und mit modifizierten bzw. variierten Eigenschaften neu zusammengesetzt.

 

WEISSER SCHLAF


Sopran: Sigune von Osten
1997, 10:25 Min.

Studio für elektronische Musik der Universität Mozarteum Salzburg

Die Komposition „Weißer Schlaf“ für Sopran und Tonband verwendet den poetischen Text „Der Schlaf“ von Georg Trakl als Basis ihrer musikalischen Gestaltung. Dieser Text, der sowohl in seiner ersten als auch in seiner zweiten Fassung verwendet wird, determiniert direkt die Struktur und die Klanglichkeit des Stückes.
Dazu wurde dieser Text zunächst durch die Sopranistin Sigune von Osten rezitiert und das klangliche Ergebnis mit einem Tonbandgerät aufgezeichnet. Diese Aufzeichnung der gesprochenen Textversionen wurde anschließend im Computer verschiedenen Klanganalysen unterzogen. Die so gewonnenen Parameter über Zeit- und Frequenzstruktur der Grund- und Obertöne bildeten den Ausgangspunkt für die Gestaltung sowohl der Sopranstimme als auch des Tonbandes.
Die formale Struktur der Komposition wurde direkt aus den rezitierten Versionen des Trakl-Textes abgeleitet, indem die Zeitachse der Originalaufnahmen auf das 8 bis 12fache linear gedehnt wurde, um deren ursprüngliche Proportionen zu erhalten.
Die Frequenzspektren der gedehnten Textaufnahmen wurden jeweils in vier Oktavbänder unterteilt um die zeitliche Zu- und Abnahme von Grund- und Obertönen der Sprechstimme von Sigune von Osten in den jeweiligen Frequenzbereichen zu isolieren. Im Klangmaterial dieser Oktavbänder wurden nun mit Hilfe der Fast Fourier Transformation (FFT) die dominierenden Frequenzanteile ermittelt und diese in musikalische Tonhöhen übertragen. Die so abgeleiteten Tonhöhenstrukturen bildeten den Ausgangspunkt für die Komposition des Sopranparts.
Das Tonband beinhaltet Klangmaterial, welches sich ausschließlich aus den durch Sigune von Osten rezitierten Texten ableitet. Es wurde im Computer auf bis zu 15 Audiospuren ausgearbeitet und zur räumlichen Separierung komplementärer Klangereignisse sowie deren Bewegung im Raum auf eine Hörebene rund um das Publikum projiziert. Das 2-Kanal-Tonband transformiert die ursprünglich vierkanaligen Raumbewegungen so weit wie möglich in die räumliche Tiefe des Stereo-Panoramas.
Die Tonband-Fassung von „Weißer Schlaf“ ist nicht vollständig identisch mit der Konzert-Fassung. Sie beinhaltet - bei gleichem Tonbandpart - eine „elektronische Sopranstimme“, d. h. eine am Sopranpart der Konzert-Fassung orientierte, aber mit weitergehenden elektronischen Mitteln variierte und modifizierte Solostimme.
Die endgültige Form und die verschiedenen Klangfarben-Charakteristiken resultieren weitgehend aus einer simultanen Überlagerung der beiden auf verschiedene Arten rezitierten Fassungen von Georg Trakls „Der Schlaf“ mit ihren jeweiligen elektronischen Transformationen.

Georg Trakl
DER SCHLAF (1. Fassung)


Getrost ihr dunklen Gifte
Erzeugend weißen Schlaf
Einen höchst seltsamen Garten
Dämmernder Bäume
Erfüllt von Schlangen, Nachtfaltern,
Fledermäusen;
Fremdling dein jammervoller Schatten
Schwankt, bittere Trübsal
Im Abendrot!
Uralt einsame Wasser
Versanken im Sand.
Weiße Hirsche am Nachtsaum
Sterne vielleicht (?)!
Gehüllt in Spinnenschleier
Schimmert toter Auswurf.
Eisernes Anschaun.
Dornen umschweben
Den blauen Pfad ins Dorf,
Ein purpurnes Lachen
Den Lauscher in leerer Schenke.
Über die Diele
Tanzt mondesweiß
Des Bösen gewaltiger Schatten

Georg Trakl
DER SCHLAF (2. Fassung)


Getrost ihr dunklen Gifte,
Weißer Schlaf!
Dieser höchst seltsame Garten
Dämmernder Bäume
Erfüllt von Schlangen, Nachtfaltern,
Spinnen, Fledermäusen.
Fremdling! Dein verlorner Schatten
Im Abendrot,
Ein finsterer Korsar
Im salzigen Meer der Trübsal.
Aufflattern weiße Vögel am Nachtsaum
Über stürzenden Städten
Von Stahl.

 

LES PAS INTÉRIEURS


1997, 11:10 Min.
Studio „La Muse en Circuit“ Paris


Klanglicher Ausgangspunkt für die Komposition „Les pas intérieurs“ waren Tonaufnahmen, die in unmittelbarer Umgebung des Studios in Paris-Alfortville am 21. und 22. August 1997 sowohl tagsüber als auch in der Nacht stattfanden. Ziel war vor allem die Aufzeichnung von Schrittgeräu-schen gehender und laufender Menschen in diesem speziellen akustischen Umfeld mit ihren verschiedenen Klangcharakteren und Tempi. Als Kontrast auf der Materialebene kam - neben diesen, mit einem Mikrofon aufgezeichneten Geräuschen - auch elektronisches, mit Hilfe der Granularsynthese erzeugtes Klangmaterial zur Anwendung.
Das gesamte Material wurde in verschiedenen Stufen elektronisch transformiert und in einer Struktur angeordnet, die weitgehend den originalen Tonaufnahmen entspricht. Diese Originaltonebene ist im endgültigen Resultat allerdings nur noch punktuell wahrnehmbar, da sie zum einen mit weitreichenden elektronischen Transformationen überlagert wurde, zum anderen in ihrer Lautstärke aus dramaturgischen Grunden teilweise stark reduziert wurde. Ein Verfahren, welches sich - in Analogie zur bildenden Kunst - als "akustische Übermalungstechnik" beschreiben läßt.
Der Titel „Les pas intérieurs“ verweist so einerseits direkt auf den klanglichen Ausgangspunkt, reflektiert andererseits aber auch die dynamischen Übergange zwischen den verschiedenen musikalischen Zuständen in einzelnen Phasen dieser Komposition.

 

SUCCUBUS-QUARTETT


1994, 20:27 Min.
Studio für elektronische Musik der Universität Mozarteum Salzburg


Zentrale Idee des Stückes ist die künstlerische Gestaltung von inneren Bestandteilen verschiedener Klänge durch deren Interpolation und Transformation. Dazu werden die Klänge schrittweise in ihre Mikrostruktur zerlegt. Die Elemente dieser Struktur sind im Original zwar stets vorhanden, normalerweise aber nicht separat wahrnehmbar.
Auf diese Arbeitsweise verweist auch der Titel: Succubus als Synonym für das Hörbarmachen von Verborgenem, Darunterliegendem, Quartett als Indiz für vier verwendete Ausgangsklänge, die hier untereinander in eine intensive Beziehung treten.
Im SUCCUBUS-QUARTETT bilden vier kurze Tonaufnahmen von Beifall den klanglichen Ausgangspunkt („Small Clap“, „Big Cheer“, „Clapping“ und „Big Clap“). Diese werden mit Mitteln der digitalen Klangformung so modifiziert, daß subtile Übergänge von einem Klangcharakter zum anderen möglich sind. Dabei durchlaufen die Klangelemente verschiedene Transformationsstadien, welche sich jeweils durch individuelle Kombinationen der musikalischen Parameter Ereingnisdichte, Ambitus, Tonhöhenbereich, Hüllkurvencharakteristik und „Lebendigkeit“, auszeichnen. Es dominieren folgende digitale Bearbeitungsverfahren:
1.) lineare und nichtlineare Zeitdehnung mit und ohne Transponierung der Ausgangsklänge, 2.) Zerlegung kontinuierlicher Ausgangsklänge in Einzelereignisse und Zusammenfügung von separaten Klangelementen zu kontinuierlichen Klangereignissen, 3.) rhythmische Modulationen, Klangfarbenmodulationen und dynamische Filterung von Klängen und Klangstrukturen, sowie 4.) Schaffung individueller Räumlichkeiten für die Tiefenstaffelung der einzelnen Klangstrukturen.

 

 


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